Botschaft zum 5. Jahrestag der Flutkatastrophe
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am 14. und 15. Juli jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum fünften Mal. Fünf Jahre sind vergangen – und doch fühlen sich die Bilder, die Erinnerungen und die Gefühle für viele Menschen noch immer an, als wären sie erst gestern gewesen.
Auch Sinzig wurde in jener Nacht schwer getroffen. Menschen verloren ihr Leben. Familien verloren Angehörige, Freunde und Nachbarn. Häuser wurden zerstört, Straßen und Brücken fortgerissen, Schulen und öffentliche Einrichtungen schwer beschädigt. Die Flut hinterließ Verwüstung – aber vor allem hinterließ sie Trauer, Schmerz und eine Wunde, die bis heute nicht vollständig verheilt ist.
An diesem Jahrestag gedenken wir der Opfer. Wir denken an die Menschen, die ihr Leben verloren haben und die unvergessen bleiben. Ihr Platz in unseren Familien, in unserer Nachbarschaft und in unserer Gemeinschaft bleibt bestehen. Ihr Andenken verpflichtet uns, die Erinnerung wachzuhalten und füreinander einzustehen.
Gleichzeitig erinnern wir uns aber auch an das, was nach der Katastrophe geschah. In den dunkelsten Stunden zeigte sich eine Menschlichkeit, die viele von uns tief berührt hat. Menschen aus ganz Deutschland, aus unseren Nachbarländern und aus vielen anderen Herkunftsgemeinschaften kamen nach Sinzig und ins gesamte Ahrtal, um zu helfen. Oft kannten sie die Betroffenen nicht persönlich. Dennoch packten sie an, räumten Schlamm, verteilten Hilfsgüter, spendeten Geld, Kleidung und Zeit. Sie machten Mut, als viele Menschen kaum noch Hoffnung hatten.
Diese Welle der Solidarität war überwältigend. Sie hat gezeigt, was möglich ist, wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Dafür empfinde ich auch heute noch tiefen Respekt und große Dankbarkeit.
Fünf Jahre später ist bereits viel erreicht worden. Vieles wurde wiederaufgebaut, modernisiert oder befindet sich in der Planung. Das gibt Zuversicht und zeigt die enorme Kraft unserer Bürgerinnen und Bürger. Doch so wichtig der Wiederaufbau von Gebäuden, Straßen und Infrastruktur ist – Sicherheit und Vertrauen können nicht allein durch Steine und Beton entstehen.
Denn neben der Erinnerung bleibt bei vielen Menschen eine Sorge bestehen: die Sorge, dass sich eine solche Katastrophe eines Tages wiederholen könnte.
Die Wiederherstellung und Neugestaltung der Ahr stellt zweifellos eine Verbesserung dar. Sie ist ein wichtiger Baustein für die Zukunft unserer Region. Doch sie ersetzt nicht die zusätzlich geplanten Hochwasserschutzmaßnahmen, insbesondere die vorgesehenen Regenrückhaltebecken. Gerade bei einem Starkregenereignis von der Größenordnung des Jahres 2021 sind diese Maßnahmen ein wesentlicher Bestandteil eines umfassenden Schutzkonzeptes.
Deshalb wünsche ich mir, dass die Solidarität, die wir nach der Flut so eindrucksvoll erlebt haben, auch bei den noch ausstehenden Entscheidungen sichtbar wird. Hochwasserschutz ist keine Frage einzelner Ortsgrenzen. Er ist eine gemeinsame Verantwortung für die Menschen im gesamten Ahrtal. Die noch verfügbaren Mittel aus dem Wiederaufbaufonds sollten deshalb dort eingesetzt werden können, wo sie nicht nur den Schutz von Menschenleben verbessern, sondern auch die Milliardeninvestitionen des Wiederaufbaus langfristig sichern.
Fünf Jahre nach der Flut stehen wir an einem besonderen Punkt: Wir blicken zurück auf unermessliches Leid, auf beeindruckende Hilfsbereitschaft und auf große Fortschritte beim Wiederaufbau. Aber wir tragen auch Verantwortung für die Zukunft.
Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass die Erinnerung an die Opfer nicht nur ein Blick zurück bleibt. Sie sollte zugleich Ansporn sein, alles dafür zu tun, dass unsere Heimat sicherer wird.
In stillem Gedenken an die Verstorbenen, in Dankbarkeit gegenüber allen Helferinnen und Helfern und in der Hoffnung auf eine sichere Zukunft für Sinzig und das gesamte Ahrtal.
Ihr
Reiner Friedsam
Ortsvorsteher der Kernstadt Sinzig
